Können wir nicht mal 5 Gänge zurückschalten?

Ende dieses Jahres bin ich doch tatsächlich schon 25 Jahre in diesem „Geschäft“. Was hat sich in den 25 Jahren alles getan. Im Radio bekam ich noch mit, wie mit Bändern geschnitten wurde, die geklebt waren. Modern war es, Wettertexte auf ein Fax-Modem „auf Schleife“ zu legen und modern war es, Radio-Interviews per „Musiktaxi“ zu geben. Man musste etwas können, wissen und wurde dafür auch noch ausgebildet – in allen Bereichen. Vor allem aber mussten wir uns durch Beständigkeit und Vertrauen beweisen. Wetter war eine wichtige Information und sie sollte am besten sachlich mit Empathie, Tipps und Hinweisen möglichst positiv „verkauft“ werden. Die Sache, also das Wetter, stand im Vordergrund. Klingt fast wie im Mittelalter, oder?

 Im Jahre 1999 arbeitete ich noch bei Antenne Bayern. Damals war nicht alles voraufgezeichnet und jedes Luftholen geplant. Wir waren spontan und machten ziemlich viel Blödsinn – aus dem Bauch heraus. Und wenn die Hütte brannte, gab es sachliche Infos von Experten.

Soweit der romantische Rückblick. Warum schreibe ich das? Stellt euch mal vor, das Jahr 1999 fände wettermäßig jetzt statt. Jetzt, in einer Zeit, wo alles extrem ist und jeder alles kann und besser ist, wo es um Clickbaiting und nicht mehr um die Sache geht. Jetzt, wo die „Wetterkapriolen“ ein „seltenes Ereignis“ wie ein „Hochwasser im Winter“ hervorrufen – zynische Anmerkung: „Hat es vorher fast noch nie gegeben!“ Wir hätten da auch noch den Sturm, der ja auch so extrem ist. Und überhaupt, es spielt alles verrückt. Und wenn wir nicht bald mehr als 100 Prozent Steuern zahlen, dann sind wir sowieso alle verloren.

 Zurück zum Jahr 1999 – stellt euch mal die Schlagzeilen heute vor:
Anfang Januar sehr milde Hochdrucklage mit schneefreien Bergen.

Ab Ende Januar ein Tief nach dem anderen mit der Schneekatastrophe in den Alpen und zwischendurch sogar Hochwasser (!!!!) in den Tälern, obwohl Schnee lag.

Das mit den „Niederschlägen“ hörte und hörte nicht auf.
Im Mai das Pfingsthochwasser, ein echtes und dramatisches Hochwasser. Ganze Landstriche standen unter Wasser, auf der Zugspitze Ende Mai über 6 Meter Schnee.

Anfang Juni walzte eine wirklich heftige Unwetterfront über ganz Deutschland mit enormen Sturmschäden, sintflutartigem Regen und zahllosen Feuerwehreinsätzen durch umgestürzte Bäume, vollgelaufene Keller.
Anfang Juli lag immer noch Schnee in den Alpen.






Im August Sonnenfinsternis und eine kurze Hitzewelle von fast 40 Grad mit schweren Hagelunwettern.

Anfang November war es sonnig und fast 20 Grad warm, kurz danach gab es Schnee und Ende November brachte eine Aufgleitwarmfront über einen halben Meter Neuschnee an einem Tag im Alpenstau (ohne Verkehrschaos, da „Winter“).
Und zu guter Letzt fegte Lothar am 26. Dezember als großer Orkan über Deutschland und verwüstete ganze Landstriche.

Das waren 4 (in Worten vier) Großereignisse: Lawinenwinter, Hochwasser, Unwetterfront am 2. Juni und Lothar am 26. Dezember. Zählt man den Starkschneefall Ende November noch mit, dann waren es 5 (in Worten fünf).

Übrigens: Man hörte damals nicht einmal das Wort „Klimakatastrophe“ oder gar „Klimanotstand“. Nein, man schaute hinter die Kulissen und sagte: Wir brauchen 1. Bessere Lawinen-Verbauungen und zweitens hat die Menschheit zu viel Raubbau an der Natur und den Gewässern betrieben und das muss geändert werden.

Und witzigerweise erzählen uns heute manche Menschen, die damals entweder Kinder oder noch nicht geboren waren, wie was funktioniert? Das Jahr 1999 war wirklich etwas Besonderes und es reiht sich in andere Jahre ein, die etwas Besonders waren, Besonderheiten jeder Generation und Menschenleben. Und wir können das noch beliebig erweitern auf Jahrhunderte. Gefühlt aber erleben wir jede Woche Jahrhundertereignisse, die es noch nie gab und an Dramatik nicht zu überbieten sind.

Kehren wir zurück zu heute und schauen uns die aktuelle Situation mal faktisch an. Im Mittelalterlichen Wärmeoptimum wäre der aktuelle Winter ein kalter gewesen, zur Kleinen Eiszeit extrem mild und jetzt gehört er zu den Top Ten der vergangenen rund 250 Jahre. (Während ich das hier schreibe tobt gerade ein Schneesturm draußen mit 50 Meter Sicht!) Wir haben eine ausgeprägte Westwetterlage, durch einen intakten Polarwirbel. Mal wird extrem milde Mittelatlantik-Luft eingebunden, mal Nordmeerluft. Durch den vielen Wind kann sich etwaige Kaltluft nicht setzen und auskühlen und sorgt dadurch für positive Temperatur-Abweichungen. Weiter gibt es auf Grund der Großwetterlage viel Wind und auch Sturmgefahr. In der kommenden Woche übrigens durch einen möglichen „Schnellläufer“. Das ist ein kleines Randtief, das sich wie ein Strudel in die Stromschnellen der Tiefrennbahn einkringelt und ein kurzes und heftiges Sturmereignis bringen kann. (Zynismus-Modus an: Das hat es übrigens auch fast noch nie gegeben.)

Im Anschluss an dieses Ereignis geht die Modell-Welt ein bisschen auseinander. Das amerikanische GFS-Modell baut am Frühling mit Sonne und 20 Grad mit vielen Läufen oder aber an einer halbherzigen Spätwinterlage mit möchtegern-Wintergefummel. Das europäische ECMWF-Modell doktort an einem Splitt des Polarwirbels. Nach dem GFS-Modell erfreut sich allerdings der Polarwirbel an sich exakt über dem Nordpol am letzten Vorhersagetag (20. Februar) an bester Gesundheit und erteilt einer etwaigen Strosphärenerwärmung mit letzter Winterchance für den meteorologischen Winter eine windig-milde Abfuhr. Damit war das wohl nix mit der Umstellung im Februar auf kalt. Zumindest ist es phasenweise nass-kalt und vor allem nass! Apropos nass: Im Jahre 2002 brachte der Februar über 230 Prozent des Niederschlagssolls, ein Jahr später etwas über 40 Prozent. Die jeweiligen Sommer brachten 128 bzw. 64 Prozent. Bauern- und Witterungsregeln vermuten dahinter ein Zusammenhang, ein System. Nee, das war vor knapp 20 Jahren und da war ja eh schon alles kaputt. Die Februar-Monate 1958 und 1959 mit 218 und 18 Prozent waren bestimmt eine Ente. 1959 war übrigens das sonnigste Jahr bisher seit Beginn der Sonnenscheinmessungen im Jahre 1951. Zufall, reiner Zufall, denn früher war ja das Wetter in Takt und schlug keine Kapriolen. Die Februar 1889 und 1890 mit jeweils 156 und 12 Prozent Niederschlagssoll sind bestimmt auch eine Ente.

So, jetzt lassen wir mal den Zynismus weg und widmen und wieder dem Wetter. Freunde, was wir hier erleben, ist Wetter, es ist einfach Wetter. Mal ist es wärmer, mal ist es kälter, mal gibt es ein Hoch, mal ein Tief, mal Regen, mal Schnee. Und wenn es mehr regnet, treten Bäche und Flüsse über die Ufer. Und da viele natürliche Flussläufe vernichtet sind und da heute Straßen verlaufen oder Häuser stehen, wo es früher Natur-Auen gab, steht da dann eben mal Wasser – auch im Winter, oder vielleicht gerade im Winter! Es ist sogar damit zu rechnen, dass das nicht das erste und letzte (kleinere) Hochwasserereignis in diesem Jahr war. Da wird sicherlich noch mehr kommen. Das mit der Dürre wird, oder vorsichtig formuliert, könnte sich damit erledigt haben. Was allerdings bleibt sind die lauten Überschriften mit oft leisen Inhalten…s leo.