Kann das wirklich der wärmste Winter aller Zeiten werden?

Mal ganz losgelöst von sachlichen oder unsachlichen Diskussionen über den Klimawandel: Nein, es kann nicht der „wärmste Winter aller Zeiten“ werden. Der Zug ist schon lange abgefahren. Wir müssen uns aber erst einmal die Frage stellen: Was sind denn „aller Zeiten“? „Aller Zeiten“ kann ja auch die Zeit mit den Sauriern heißen. Das wäre dann natürlich „der größte Schwachsinn aller Zeiten“. Selbst wenn wir die Zeit nach der letzten Eiszeit nehmen würden wäre das immer noch „der größte Schwachsinn aller Zeiten“. Vor ein paar tausend Jahren wuchsen dort, wo jetzt noch Alpengletscher schmelzen, Zirbenwälder. Wir haben in diese Zeit, außer gefundener Baumstämme in hochalpinen Lagen bzw. Holz, das aus den Gletschern freigegeben wird, wenig „Zeugen“. Auch aus der Warmzeit der Römer liegt wenig vor. Es muss nur damals auch wärmer gewesen sein als jetzt.

Einigen wir uns vielleicht auf rund 1000 Jahre? Dann sind wir in der Zeit des mittelalterlichen Wärmeoptimums. Eine Zeit, in der es bei uns komplett andres aussah als jetzt. Da hatten wir sehr Kaliber der Marke 2018. Damals befanden wir uns in Mitteleuropa auf einem recht hohen Temperatur-Niveau. Und wenn wir das ganze Niveau anheben, verändern sich natürlich auch die Ausreißer. Die Ausreißer nach unten sind nicht mehr so häufig und drastisch, die Ausreißer nach oben nehmen zu und sind drastischer. Und so finden wir in den Chroniken den Winter 1185/86: Hier waren die Wälder schon bis Februar grün mit wallnussgroßen Früchten an den Obstbäumen und der Obsternte im Mai. Überhaupt waren die 1180er Jahre, wie einige Jahrzehnte aus diesem Jahrhundert, unglaublich warm. Eine Blütezeit der damaligen Kultur.

In meinen Sat.1 Bayern-Schalten stand ich schon auf unzähligen Burgen, Burgruinen und Schlössern, unterhielt mich mit Heimatpflegern und Historikern. Das ist ein so dermaßen spannendes Terrain diese Zeit. Was am Anfang des Jahrtausends aufgebaut wurde, zerfiel nach Mitte des Jahrtausends durch den Klimawandel in Richtung kalt zur Kleinen Eiszeit. Mit genügend Zeit und Muße wünsche ich mir selbst, dass ich die Möglichkeit finde, darüber ein Buch zu schreiben.

Halten wir mal fest: Der Winter 1185/86 war der „wärmste Winter aller Zeiten“. Ein paar Kaliber kamen dann noch nach. Erwähnenswert wäre hier der Winter 1289/90 mit der Baumblüte zu Weihnachten und der Erdbeerernte ab Ende Januar.
Das erinnert fast ein wenig an den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Da können wir das Jahr 1881 nehmen – seitdem zeichnet der Deutsche Wetterdienst auf – oder aber die Mitte des 18. Jahrhunderts. Seitdem finden wir regelmäßige Aufzeichnungen in Mitteleuropa, die gut homogenisiert sind und zu Vergleichszwecken gut dienen können. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Der wärmste Winter seit Aufzeichnungsbeginn war der Winter 2006/07 mit einer Mitteltemperatur von 4,4 Grad und damit einer Gesamtabweichung von 4,2 Grad im Vergleich zum langjährigen Mittel der noch geltenden Jahre 1961-90. (Im kommenden Jahr wird umgestellt auf 1991-2020.)

Mit einem relativ großen Abstand folgen die Supermild-Winter 1975, 1990 und 2016 mit jeweils 3,6 Grad und einem entsprechenden Plus von 3,4 Grad. Aktuell liegt unser Winter, wäre er zu Ende, bei 3,3 Grad mit einem Plus von 3,1 Grad. Sehr warm, keine Frage und mit 2014 auf Platz 5. Damit wir den wärmsten Winter seit Aufzeichnungsbeginn erreichen könnten, müssten von heute an alle Tagesmittel bei 6,0 Grad bis zum 29. Februar liegen (im Schnitt). Das schaffen wir mit Sicherheit nicht. Wärmstenfalls wäre ein Platz unter den Top 5 möglich, aber kein neuer Rekord.

Schauen wir mal, an welcher Schraube der Februar noch dreht. Stark zurückgedreht haben die Modelle was die kommende Woche (letzten Januar-Tage)  betrifft. Was wurden wir schon wieder bange gemacht von wegen Orkan und Frühling, Wärme, etc. Und nun gibt es teilweise bis in die Niederungen für zwei Tage Schnee. Meiner Meinung nach liegt da am sich verändernden Polarwirbel, der einfach die Mittelfrist ordentlich durcheinander wirbelt. Dieser liegt in den kommenden Tagen mehr oder weniger über dem nördlichen Mitteleuropa, wandert dann nochmal zurück nach Nordwesten, macht es bei uns sehr mild zur Lichtmess-Woche, ehe das Ding nach Osten wandert und mehr oder weniger zerfällt. Damit beginnt genau dort, wo der Polarwirbel jetzt über viele Wochen lag, eine Strosphären-Erwärmung. Die Wetterlage in der Nordhemisphäre stellt sich komplett um. Deswegen bleibe ich dabei: Der Februar kann unter diesen Voraussetzungen nicht in die Kerbe von Dezember und Januar schlagen und da kommt in Sachen Winter noch was, vielleicht sogar einiges nach bis ins Frühjahr hinein. Die Monats-Prognosen, also Einschätzungen, für Februar, März und April findet ihr unter der Rubrik Langfrist, ebenso die Frühjahrseinschätzung!

So bleibe ich dabei, dass der Februar das Muster der vergangenen Wochen bricht und einiges an Winterwetter bringen kann und wird bis in den März. Ich möchte an dieser Stelle noch aus dem Nähkästchen der Schalten plaudern. Vor einigen Tagen war ich bei einem Skiliftbesitzer und –betreiber im Bayerischen Wald. Das Thema war der Schneemangel, der natürlich hier dramatisch ist, keine Frage. Er sagte aber auch, dass sein Vater und Großvater erzählten, dass es in den 1970er Jahren in einem Winter nur an einem Tag Skibetrieb gegeben hatte. Mit einer gewissen Lässigkeit kommentierte er: „Es ist alles schon mal dagewesen und wir machen das Beste draus.“

Lasst uns kurz über die grobe Entwicklung der kommenden Tage und Wochen sprechen. Die neue Woche bringt viel Wind und Sturm. Es wird keinen Orkan geben und eine Wiederholung des Sturmwinters bzw. des Orkanwinters 1990 steht nicht an. Aber es wird eine ungemütliche Wetterwoche werden. Rund um Dienstag/Mittwoch bekommen wir vorübergehend Regen und kurzzeitig bis in die Niederungen Schnee. Über der Nordhälfte Deutschlands liegt vorübergehend hoch reichende Polarluft mit einer großen Labilität. Das bringt Regen-, Schnee- und Graupelschauer sowie kurze Gewitter. Bei den starken Schauern und Gewittern fallen regelrechte Kaltluftsäcke vom Himmel und der Wind ist sehr böig. Hier kann es zu orkanartigen Fallböen (Downbursts) kommen, die Unfug anrichten können. Für Auto- und Brummifahrer wird es durch den Wind nervig und vor allem in Lagen über 300 bis 500 Meter drohen Glätte durch Schnee, Eis und Schneeverwehungen. Das ist aber alles nur kurz!

Danach wuchtet sich tiefvorderseitig und am Rücken eines Hochs wieder sehr milde Luft zu uns. Der Februar startet damit in der Lichtmess-Woche mit einem fast schon frühlingshaften Flair samt Sonne, teils zweistelligen Plusgraden und Vogelgezwitscher. Spätestens hier wird der Frühling ausgerufen und der Totalaufall des Winters verkündet. Mal gucken, was dann wieder für bescheuerte Überschriften kommen…

Und genau dann wird alles anders werden. Wie es wird, ist noch total unklar, aber dass es anders wird, das ist so gut wie sicher. Und der Februar kann noch ordentlich winterlich zupacken – der März übrigens auch (siehe 2013). Für Details ist es zu früh, spannend wird es allemal… Schönes Wochenende!